Ziel100 Interview

Der „langhaarische Bombelescher“ aus dem Datapunk-Gestüt von Anthony Rother steht wie kein Zweiter für den Techno/Elektro Sound aus Frankfurt. Sein Style ist nicht zu berechnen, aber kompromisslos elektronisch, mitreißend und zum Feiern verpflichtend. Wochenende für Wochenende spielt er in ganz Deutschland die Clubs heiß und wir featuren aktuell einen exklusiven Podcast von dem Typen, der in unseren Interview kein Blatt vor den Mund nimmt…
UMP3: Hallo Ziel100, wo erwischen wir dich gerade?
Ziel100: Alles bestens, ich sitze in meinen Büro/Studio, neben mir steht ein Bier, ich höre mir parallel die letzten Downloads an und freue mich schon auf das nächste Wochenende.
UMP3: Downloads sind ein gutes Stichwort. Wie stehst du zu legalen/ illegalen Downloads?
Ziel100: Ich finde DJ Sets sollten aus Promotiongründen möglichst breit gestreut und urheberrechtlich frei gestellt werden. Da zählt doch nicht der einzelne Track, da zählt alles zusammen und es wird was neues draus – wenns denn gut gemacht ist! Als Künstler habe ich natürlich ein Problem damit wenn meine Tracks illegal gesaugt werden. Aber mittlerweile ist digital releasen günstig und mir sind illegale Downloads sogar sehr recht, denn ich möchte eigentlich nur Gehör finden. Und wenn die Leute mir Geld dafür geben, finde ich das sehr nett. Müssen sie aber nicht. Es reicht, wenn sie mich besuchen, wenn ich in deren Nähe auflege. Oder wenn sie meine Musik spielen. Alles multizipliert mein Werk und das finde ich OK. Ich habe lieber 10 illegale Downloads, wie keinen Sale auf Beatport. Aber es muss natürlich irgendwo im Gleichgewicht liegen. Konsum ohne Gegenleistung ist Diebstahl!
UMP3: Du bist ja schon seit 1988 DJ und spielst aber seit 2 Jahren nur noch digital. Dabei verwendest du gar keine Plattenspieler mehr, sondern kontrollierst die Files mit deinen Mixer, Controller und Effektgeräten. Empfindest du die Art und Weise, wie du dein Set spielst nicht als Verrat am DJ Handwerk?
Ziel100: Oh Mann, nicht schon wieder diese Diskussion! Ich kann das „digital/ analog, MP3 kills Vinyl und umgekehrt“-Gedöhns nicht mehr hören. Ich habe 20 Jahre gerne mit Vinyl gespielt, habe tonnenweise Vinyls im Keller, habe aber halt für mich entschieden, daß ich mit der Technik, der Zeit und der Entwicklung gehen möchte (während ich mich zuvor lange für Vinyl stark gemacht habe!). Niemand kann an der Entwicklung vorbeigehen, die uns die Industrie vorsetzt. Und wenn mittlerweile eine ganze Reihe von Herstellern „normale“ Mixer ohne digital-DJing Features gar nicht mehr im Sortiment haben und mittlerweile fast doppelt so viele Releases digital erscheinen als auf Vinyl, dann hat sich das für mich erledigt. Da gibt es doch gar keine echte und inhaltliche Diskussion mehr. Da sind doch nur noch lieb gewonnene Traditionen, die eine Gruppe der Zunft nicht loslassen kann. Nur weil man vor 500 Jahren Häuser aus Lehm und Holz gebaut hat, muß man das heute nicht auch noch machen. Ich fahre ja auch mit Autos und fliege in Flugzeugen und bin nicht in Kutschen und Ballons unterwegs. Und überhaupt: Ich denke, was einzig wichtig ist, ist das, was hinten raus kommt. Und ob du die Leute mit Vinyl, Timecode Vinyl, Ableton, Cd Playern, Grammophon oder einer Groovebox rockst ist doch vollkommen egal. Hauptsache du rockst!

UMP3: Aber fehlt dir denn nicht das Vinyl-Feeling?
Ziel100: Überhaupt nicht. Ich muss auch keine Beats anpassen um mich cool zu fühlen. Das interessiert doch maximal die anderen DJs im Club oder Nerds, die eh nicht tanzen. Auf die scheiß ich, mich interessiert die Party, die Tanzfläche, die Abfahrt. Ich mach dir problemlos morgens um 7 Uhr spontan nach 5 Stunden digital DJing ein Vinyl Set ohne wackeln und Fehler, aber ich habe da schlicht keinen Bock mehr drauf. Ich will lieber möglichst tief in die Möglichkeiten meines Set Ups einsteigen und alles aus einen Track rausholen. Sei es durch Kombinationen, zusätzliche Loops, Dub-Overs oder Effekte.
UMP3: Wie sieht denn dein Set Up konkret aus?
Ziel100: Ach, das ist keine größere Zauberei.
Ich schau immer mal, was so Jungs wie Hawtin, Speedy J. oder Chris Liebing auffahren. Deren Set Up ist mir zu breit aufgestellt: zwei Laptops, verschiedene Softwares, usw. Ich habs gerne schmal. Der Rumpf meiner Kisten ist ein ziemlich alter Dell 12“ Laptop, den ich auf Ebay für 180 Euro geschossen habe. Darauf läuft Ableton Live 7.0. Belegt sind im Ableton drei Spuren: Zwei für Tracks, einer für Loops. Die gehen durch eine 10 jahre alte Emagic USB Soundkarte in den Ecler EVO4 Mixer, den ich immer mitbringe. Ich war aktiv an der Entwicklung des EVOs beteiligt, weshalb ich keinen anderen Mixer mehr akzeptieren kann… Das Mastersignal vom Ecler läuft dann noch durch eine Pioneer EFX500 Effektgerät und dann in den Mixer vom Club. Und ab geht’s…
UMP3: Ist dir das nicht zu kompliziert wegen Transport und Aufbau?/p>
Ziel100: Nö, garnicht. Aufbau braucht 10 Minuten maximal und das ganz Zeugs ist leichter wie eine 80er Vinyl Box.

UMP3: Schonmal einen total Ausfall auf der Bühne gehabt oder andere „digital“ Probleme?
Ziel100: Ja klar hatte ich auch schon mal Probleme mit der Technik. Die hatte ich aber auch als Vinyl DJ. Kaputte Systeme, unkonstanter Pitch an den Technics, hüpfende Vinyls, Cola in der Plattentasche gabs ja auch schon früher. Da hat sich keiner was draus gemacht. Wenn ich jetzt mal ein wackeln auf der Festplatte habe, weil der Subbass den Laptop durchrüttelt, dann zeigen sofort 10 Finger auf dich von wegen „siehste, das wäre mit Vinyl nicht passiert“. Insgesamt ist die Fehlerhäufigkeit aber sehr viel geringer wie früher und ich habe mein System soweit optimiert, daß ich bei einen von ca. 2000 Tracks, die ich spiele, ein Problem habe, was ich aber in aller Regel so schnell im Griff habe, daß es keiner merkt. Guter Wert, was?
UMP3: Gut und legendär ist ja auch dein Sound. Was macht den denn so anders?
Ziel100: Keine Ahnung, wirklich nicht. Da ich ja vermeintlich auch nur Musik spiele, die frei verkäuflich ist und von jedermann ebenfalls eigesetzt werden könnte, ist das selbst mir ein Rätsel, warum das nicht mehr Djs machen. Es mag eventuell sein, daß mich von anderen unterscheidet, daß es mir egal ist, wie alt ein Track ist, von wem er ist und zu welcher Sparte er gehört. Wenn ich ihn mag und wenn er passt, werde ich ihn spielen. Und wenn der von den Black eyed Peas oder Stefanie Heinzmann ist, dann schauen zwar die Blockheads ziemlich verdutzt, was mir aber vollkommen Latte ist. Ganz im Gegenteil, wenn ich mir die Tristesse der ganzen Minimal-Parties, die ja immernoch sooo hip sind, anschaue, dann geniese ich es sehr auch mal was unerwartetes zu machen, auf die Konventionen zu scheissen und den ganzen Langweilern mal zu den Spiegel vor zu halten…
UMP3: Oh, hat da jemand ein Problem mit Minimalismus?
Ziel100: In keinster Weise! Ich liebe reduzierte Sachen. Nicht nur im Kaufhaus oder in der Musik, ich wohne z.b. auch in einer sehr nüchternen Bauhaus Siedlung, die minimaler kaum sein könnte. Bauhaus hat mich schon immer fasziniert. Und auch minimale Musik finde ich super. Maurizio, Robert Hood fand ich bahnbrechend und ich spiele ja selbst Sachen, die man als Minimal bezeichnen würde. Die Parties kranken aber daran, das Djs mit wenig Erfahrung die Leute mit den 8-9 min. Tracks überfordern, langweilen und im Endeffekt kein Stimmungsbogen aufgebaut wird, sondern nur Musik nebenher läuft. Und eine Nebenrolle für die Musik im Club kann ich nicht akzeptieren. Für mich war schon immer Abfahrt, feiern, Hands-Up und Rave-Signals wichtiger als Coolness.
Ich habe in den letzten 1-2 Jahren keine 10 „Minimal“ Sets gehört, die mich überzeugt haben. Liegt einfach daran, daß den meisten Djs allein schon die Skills fehlen, die Tracks überhaupt über lange Strecken zu kombinieren oder deren Essenz zu erkennen. Das macht z.B. Hawtin fantastisch. Villalobos schafft es auch, wenn er einen guten Tag hat, die Tracks so zu vernetzen, daß es unvergleichbar rockt. Aber halt auch, weil es nicht langweilig, sondern mit vielen Höhen und Tiefen versehen ist. DJ Performances ohne Ausschlag, wie ich sie jedes Wochenende vor oder nach mir höre, sind vermeintlich ungeheuer up-to-date, interessieren mich aber genauso sehr wie die Chart Position von Marc Medlock.

UMP3: Glaubst du nicht, daß dich diese Haltung irgendwann ins Abseits schieben wird?
Ziel100: Schau mal, du kannst dir Sets von mir aus dem Netz saugen, die sind 10 Jahre alt. Da habe ich schon Electro gespielt. Und ich mache das heute auch noch. Andere Kollegen machen auf großen Minimal-Zampano und haben vor 3 Jahren noch Kaufhaus-House gespielt im Vorprogramm für die Discoboys oder Tom Novy. Das ist nicht mein Weg. Ich war schon immer Electro und wenn das keiner mehr hören will, werde ich unter Ziel100 trotzdem noch Electro spielen; wenngleich ich dann vielelicht auch ein anderes Sideproject eröffnen müsste, um meine Familie zu ernähren. Ich bin ja sozusagen Electroarbeiter. Aber zu seinen Sound mit aller Konsequenz zu stehen, das ist doch eher eine Haltung. Die kann man nicht einfach mal ändern, vor allem, wenn man Rückgrad hat!
UMP3: Wohin wird sich das Ganze denn entwickeln?
Ziel100: Techno. Rave. Signals. Breaks. Momente. Die Leute – wirklich, das sagen mir Hunderte! – haben die Tristesse satt. Techno kommt zurück und wird die Clubs wieder rocken. Im Zweifel Electro/Techno. Aber dieses Bingo-Bongo Zeugs hier aus der Region und der Minimal-Hype wird bald vorbei sein, nach meiner Hoffnung. Und ich arbeite jeden Tag daran!
UMP3: Konkreter?
Ziel100: Ich habe mit Frank Kusserow zusammen Permanent gegündet und werde da einiges veröffentlichen, was zwar sicherlich das Rad nicht neu erfindet, aber dafür den Wagen am Laufen halten wird. Überhaupt haben Frank und ich gerade eine Menge neue und alte Freunde vernetzt und es würde mich wundern, wenn das nicht zu einer ziemlichen Masse an Veröffentlichungen führen würde, die überduchschnittlich sind.
UMP3: Namedropping?
Ziel100: Klar: …Aux88, Gman (aka LFO), La Rez, Kazim Apprendiz, Danton Eprom, … es fügt sich jetzt alles
UMP3: Dann können wir uns zunächst nur bedanken für die offenen Worte und dir viel Glück wünschen?!
Ziel100: Ich danke für die kritischen Fragen und für den Support!
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